Artikel / Buchtipp
Die Norm des Ausreichenden
Der österreichisch-französische Sozialphilosoph André Gorz fasste kurz vor seinem Tod 2007 seine Ideen aus den Jahren 1975 bis 2007 neu zusammen. Der linke Vordenker und Kapitalismuskritiker prophezeit in dem kürzlich erschienen visionären und anregenden Buch, dass der Kapitalismus sich am Ende selbst an seine Grenzen manövriert. "Das Ende des Kapitalismus hat schon begonnen" erklärt er. Er untersucht die gegenwärtige ökologische, ökonomische und soziale Lage und zeigt Auswege aus dem Kapitalismus auf.
André Gorz
Auswege aus dem Kapitalismus: Beiträge zur politischen Ökologie
Broschiert: 128 Seiten, Verlag: Rotpunktverlag, Zürich; Auflage: 1 (20. Mai 2009), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 385869391X, ISBN-13: 978-3858693914, Originaltitel: Ecologica
Arbeit, Wert und Kapital, dass sind für ihn die Kategorien des Kapitalismus. André Gorz geht es um die Befreiung der Menschen von einem Diktat des Kapitals. Die Kapitalmasse der Finanzindustrie übersteigt schon bei weitem die der Realwirtschaft. Heute steckt der Kapitalismus in der Krise, wie schon Gorz vor vier Jahren schrieb. Die Spekulationsblasen sind am platzen und eingetreten ist, was Gorz prognostizierte: "Eines Tages muss sich der Kapitalismus seine Kunden kaufen, indem er Zahlungsmittel umsonst verteilt."
Gorz erachtet es als notwendig, sich vom Einfluss des Kapitals auf den Konsum und dessen Macht über die Produktionsmittel zu befreien. Die Freiheit der Produzenten solle beruhen auf der Abwägung zwischen Quantität und der Qualität der Arbeit – d.h. abzuwägen wäre „zwischen dem Ausmaß der Bedürfnisse oder Wünsche, die sie befriedigen wollen, und dem Umfang an Mühe, die aufzuwenden sie für akzeptabel erachten." Es ginge darum, den Individuen zu garantieren, dass eine allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit allen Vorteile bieten wird. Die Norm des Ausreichenden könne ein Ausweg aus dem Kapitalismus sein, sie müsse politisch festgelegt werden.
Die taz hat eine ausführliche Rezension von ANNETTE JENSEN veröffentlicht unter
Garaus für den Kapitalismus, taz 13.6.2009
In der 3SAT-Sendung »Kulturzeit« ist der hier eingestellte Beitrag gesendet worden.
3SAT-Sendung »Kulturzeit« - Andre Gorz und der Wert der Arbeit
"Die Ökologie hat nur ihre volle kritische und ethische Kraft, wenn die Verwüstungen der Erde, die Zerstörung der natürlichen Grundlagen des Lebens als die Folge einer bestimmten Produktionsweise verstanden werden; und wenn verstanden wird, dass diese Produktionsweise die Maximierung der Erträge verlangt und zu Techniken greift, die dem biologischen Gleichgewicht Gewalt antun."
„Es ist unmöglich eine Klimakatastrophe zu verhindern, ohne radikal mit den Methoden und der ökonomischen Logik zu brechen." Der zentrale Konflikt der Epoche "mündet in den Kampf gegen die Vermarktung der Primärreichtümer - des Bodens, des Saatgutes, des Genoms, der Kulturgüter, des Wissens und der gemeinsamen Kompetenzen". Je nach dem, wie dieser Kampf ausgehen wird, wird es nach Gorz eine Katastrophe geben oder einen zivilisierten Ausweg aus dem Kapitalismus. Gorz setzt seine Hoffnung auf die Wissensgesellschaft mit dem Ziel der Selbstbestimmung in einer "Gemeinschaftsökonomie".
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