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29. September 2009

Plastikbeutel zu Plastiksand


Unsere Plastikwelt ist bunt, bequem und funktional. Die erdölbasierten Kunststoffe werden aber bald nicht mehr hergestellt werden können, denn das Öl wird knapp. Weil Plastik praktisch unvergänglich ist, wird das jetzige Ausmaß der Verschmutzung der Weltmeere mit Plastik ein umweltfeindliches Erbe sein, dass lange über den "global oil peak" hinaus bis an das Ende der Nahrungskette reicht.

Das Kunststoffzeitalter in dem wir leben, währt geschichtlich gesehen erst seit Kurzem. Begonnen hat es mit Bakelit Telefonen und Lichtschaltern in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Als große Errungenschaften des Fortschritts wurden nach dem Krieg das Plastikgeschirr, die Nylonmäntel und das Neue im Karosseriedesign gefeiert. Heute kann fast jeder Stoff durch Kunststoff ersetzt oder imitiert werden - von Teppichböden, Auto- und Fahrradteilen, Kabelummantelungen, Rohren, Fensterrahmen, Farben und Lacken, Dämmstoffen, ... über Medikamente, Kosmetik, Kleidung, Schuhe ... bis zu billigen Wegwerfartikeln und Verpackungen, wie Dosen, Tüten und Flaschen ...

Die weltweite Kunststoffproduktion beläuft sich nach Schätzungen der PlasticsEurope auf 260 Millionen Tonnen. "Innerhalb Europas ist Deutschland (2007) mit 7,5 % der weltweiten Produktion der Hauptproduzent."[1] "Der Verband Europäischer Kunststoffhersteller PlasticsEurope geht davon aus, dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Kunststoffen in Nordamerika und in Westeuropa von 100 Kilo im Jahr 2005 auf 130 Kilo im Jahr 2010 steigen wird. Das höchste Wachstumspotenzial besitzen die asiatischen Länder, in denen der Pro-Kopf-Verbrauch im Jahre 2005 noch bei 20 Kilogramm pro Person lag und derzeit in sehr hohem Tempo steigt."[2]

Kunststoff ist praktisch unvergänglich. Das ist einesteils ein Vorteil, anderseits bringt diese Eigenschaft auch große Probleme mit sich. Aus Kunststoffen werden Verpackungsmaterial, Wegwerfartikel und Massenartikel hergestellt, die der Mode und dem Trend unterliegen, also nur für kurze Zeit Verwendung finden. Die Entsorgung dieser Plastikmüllmengen stellt weltweit ein großes Problem dar. "Bis UV-Strahlung und Oxidation eine Spielzeugente in ihre Moleküle zerlegt haben, können bis zu 500 Jahre vergehen."[5]

"Gelangen biologisch nicht abbaubare Kunststoffe in die Umwelt, werden sie zu einer Gefahr. So treiben Millionen Tonnen Kunststoffmüll in einem so genannten Müllstrudel im Pazifik. Jedes Jahr tötet dieser Müll Hunderttausende Tiere. Nach einer Studie der UNEP befinden sich in diesem Strudel bis zu 18.000 Kunststoffteile auf jedem Quadratkilometer Meeresfläche. Auf ein Kilogramm Plankton kommen hier sechs Kilogramm Kunststoff. Die Größe des Müllstrudels entspricht etwa der Größe von Texas."[3]

Der Plastikmüll gelangt über die Flüsse ins Meer, aber wird auch von Schiffen auf dem Meer einfach "entsorgt".


Foto nicht mehr verfügbar

Größere Kunststoffteile werden im Lauf der Zeit durch mechanische Einwirkungen zu kleineren Bruchstücken und Partikeln zerrieben. "Der Sand auf dem Meeresgrund und an den Stränden besteht längst nicht mehr nur aus zerriebenen Muscheln und Sandkörnern, sondern auch aus Kunststoffpartikeln." [6] Plastikbeutel ect. werden zu Plastiksand.

Die Plastikpartikel sowie die giftigen Chemikalien, die unter den Bedingungen von Salzwasser und Sonneneinstrahlung freigesetzt werden, werden von Tieren aufgenommen und gelangen dadurch in die Nahrungskette.[8]

Die Kunststoffe werden mehrheitlich auf Erdölbasis hergestellt. Das Vorkommen des "Schwarzen Goldes" ist jedoch endlich. Noch ist es erlaubt, Erdöl einfach zu verheizen. Wir leisten uns großspurig, Erdölprodukte in unseren Kraftfahrzeugen zu verbrennen, karren Waren über weite Entfernungen zur Weiterverarbeitung oder den Verkauf hin und her - und wir stellen Plastik aus Erdöl her. Es ist unvorstellbar, wenn Plastik irgendwann nicht mehr hergestellt werden kann.

Es wird "erholsam" sein für die Natur, wenn das Ölfördermaximum überschritten ist. Doch für die Menschheit wird das möglicherweise zum Zusammenbruch der industriellen Zivilisation führen. Die Internationale Energieagentur warnt, dass es schon ab dem Jahr 2013 zu einer globalen Wirtschaftskrise aufgrund von massiver Ölknappheit kommen könne. Das Motto muss also lauten: Weg vom Öl. Die erdölbasierte Industrie muss umgebaut werden, d.h. die Chemie- und Kunststoffindustrie muss perspektivisch unabhängig vom Erdöl gemacht werden, genauso wie neue nicht erdölbasierte Energieträger und Antriebsstoffe zum Einsatz kommen müssen. Die Regierungen sind in der Verantwortung genauso wie die Konsumenten.

Das Bundeskabinett hat vor Kurzem den "Aktionsplan zur stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe" verabschiedet. "Weil den Unternehmen der Chemie-, Kunststoff- oder Kosmetikbranche in absehbarer Zeit ihre Grundlage - das Erdöl - ausgehen wird, soll der Einsatz von Pflanzen gefördert werden."[4]

Aktionsplan der Bundesregierung zur stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe

Allerdings greifen die Forderungen in diesem Aktionsplan zu kurz. Ziel ist es, den Chemiestandort Deutschland zu unterstützen, allerdings ohne eine verpflichtende Nachhaltigkeitsstrategie. Für Sylvia Kotting-Uhl, MdB (Bündnis90/DIE GRÜNEN) braucht es "auf europäischer und nationaler Ebene eine Biomassestrategie, die alle Bereiche der Biomassenutzung – Verstromung, Wärme, Biokraftstoffe und Nutzung in der Chemie- und Kunststoffindustrie - mit einbezieht..." Es sollen verbindliche Zielvorgaben formuliert und dafür auch die notwendigen Instrumente benannt werden.[7]. "Wer heute die Pfade für ein neues Rohstoffregime einschlagen will," so Dr. Petra Sitte, MdB (DIE LINKE.), "darf nicht wieder mit Raubbau an Natur und Menschen planen. Die zu entwickelnden Verfahren stofflicher Biomassenutzung müssen einem umfassenden Nachhaltigkeitsansatz genügen, der Düngemittel- und Energieeinsatz, die CO2- und Humusbilanz genauso berücksichtigt wie Auswirkungen auf Sozial- und Ökosysteme."[7]


Weitere Informationen auf mbnJournal

Buchtipp: Die Welt ohne uns Von der Unvergänglichkeit der Polymere (Kapitel 10)


Film und Video Tipp zum Thema

Plastic Planet, Kinodokumentarfilm von Werner Boote Österreich
"Zehn Jahre hat Werner Boote für den Film "Plastik Planet" recherchiert, um eine verdrängte Wahrheit ins Bewußtsein zu rücken: Wir leben im Plastikzeitalter. Berge von bis zu 500 Jahre haltbaren Kunststoffen stapeln sich in Wüsten, und im Pazifik dreht sich ein gigantisches Müllkarussel. "Wenn Sie diesen Film gesehen haben, werden Sie nie wieder aus einer Plastikflasche trinken", verheißt die Ankündigung. Testen Sie es selbst!" Greenpeace Magazin, Ausgabe 6.09, news medien
- Ab Anfang 2010 in deutschen Kinos. -

Videos ZDF Abenteuer Wissen: "Fluch der bunten Plastikwelt Müll in den Weltmeeren 1-3"


Weitere Hintergrundinformationen

[3] Wikipedia Müllstrudel
- Wikipedia Kunststoff
- Umweltlexikon Kunststoff
- WDR Quarks & Co "Erdöl gesucht! Wo überall versteckt sich Erdöl?"
- Green Ocean e.V. "Plastikmüll (Plastic-Sea) "

Weblinks und Quellen

Parteien, Regierung

[7] Plenarprotokoll 16/172, BT 26.06.2008, S.18360 (pdf)
[9] www.kotting-uhl.de Sylvia Kotting-Uhl, MdB Bündnis90/DIE GRÜNEN
- Aktionsplan der Bundesregierung zur stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe verabschiedet von Bundeskabinett am 2. September 2009
Die Koalitionsfraktionen des Deutschen Bundestages haben die Bundesregierung im Antrag vom 25. Juni 2008 aufgefordert, "eine Strategie für die stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe als Bestandteil einer integrierten Biomasse-Strategie ressortübergreifend zu erarbeiten und daraus konkrete Zielvorgaben und Schwerpunkte für die weitere Forschungsförderung abzuleiten."
- Deutscher Bundestag: Forschung und Entwicklung für die industrielle stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe in Deutschland bündeln und stärken [Drucksache 16/9757, 25. Juni 2008] (pdf)
- www.petra-sitte.de Dr. Petra Sitte, MdB DIE LINKE.

Firmen, Hersteller, Verbände

[1] PlasticsEurope Zahlen und Fakten

Medienberichte, Meldungen

[2] All about Sourcing Stabile Preise in weiter Ferne
[4] taz Aktionsplan Nachwachsende Rohstoffe "Pflanzen in die Tüte"
[5] GEO "Umwelt: Ein riesiger Teppich aus Plastik"
[6] Bild der Wissenschaft "Plastik wie Sand am Meer"
[8] taz Gefährliche Dioxine im Wasser "Müll vergiftet Meer vergiftet Mensch"
- taz Gefährliche Dioxine im Wasser "Müll vergiftet Meer vergiftet Mensch"
- energieportal24 "Die IEA warnt vor akuter Ölknappheit"
- FAZ.NET "Biopolymere Plastik frisch vom Acker"
- 20min online "Meeresforschung Ein «Müll-Teppich», so gross wie Europa"
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